EU AI Act · Risikoklassen

Hochrisiko-Systeme richtig einordnen

Hochriskant ist ein KI-System nicht wegen seiner Technik, sondern wegen seines Einsatzes: wenn es in einem der acht Bereiche aus Anhang III über Menschen mitentscheidet. Dasselbe Sprachmodell kann im Dokumentenassistenten minimal reguliert und in der Bewerberauswahl hochriskant sein. Die Einordnung ist damit keine technische, sondern eine Verwendungsfrage — und sie liegt beim Unternehmen.

8
Bereiche in Anhang III
August 2026
Pflichten greifen
Anwendungsfall
entscheidet, nicht Technik

Welche Bereiche gelten als hochriskant?

Anhang III führt acht Bereiche auf. Für Unternehmen außerhalb des öffentlichen Sektors sind vor allem die ersten vier relevant.

Beschäftigung
Vorsortierung von Bewerbungen, Beförderungs- und Kündigungsentscheidungen, Aufgabenzuweisung, Leistungsüberwachung.
Kreditwürdigkeit
Bonitätsbewertung natürlicher Personen; ausgenommen Systeme zur Aufdeckung von Betrug.
Wesentliche Dienste
Zuteilung öffentlicher Leistungen, Notrufabwicklung, Risikobewertung in der Lebens- und Krankenversicherung.
Bildung
Zugang zu Ausbildung, Bewertung von Lernergebnissen, Überwachung bei Prüfungen.
Kritische Infrastruktur
Sicherheitsbauteile in Verkehr, Wasser, Gas, Strom, digitale Infrastruktur.
Biometrie
Fernidentifizierung, biometrische Kategorisierung, Emotionserkennung außerhalb verbotener Fälle.
Strafverfolgung und Migration
Risikobewertungen, Beweiswürdigung, Prüfung von Anträgen — überwiegend für Behörden relevant.
Produktsicherheit
KI als Sicherheitsbauteil in Produkten, die schon heute unter EU-Harmonisierungsvorschriften fallen.

Wie ordnen Sie Ihren Fall selbst ein?

Drei Fragen in dieser Reihenfolge. Führt die erste zu «nein», sind Sie in der Regel fertig.

  1. 1
    Entscheidet oder bewertet das System etwas über Menschen?

    Auswahl, Zugang, Bonität, Leistung, Verhalten. Reine Informationsaufbereitung — Suchen, Zusammenfassen, Übersetzen — fällt hier heraus.

  2. 2
    Fällt der Einsatz in einen der acht Bereiche aus Anhang III?

    Beschäftigung, Kredit, wesentliche Dienste, Bildung, kritische Infrastruktur, Biometrie, Strafverfolgung, Produktsicherheit.

  3. 3
    Bleibt die Entscheidung beim Menschen — und ist das belegbar?

    Eine Person muss das Ergebnis prüfen und übergehen können. Ist das nur Absicht und nicht Prozess, hilft es in der Prüfung nicht.

Das Ergebnis gehört mit Datum und Begründung in Ihre Systemliste — siehePflichten für Unternehmen.

Was folgt aus der Einstufung als hochriskant?

Die schwersten Pflichten — Konformitätsbewertung, technische Dokumentation, Registrierung — liegen beim Anbieter des Systems. Als Betreiber übernehmen Sie einen kleineren, aber verbindlichen Teil.

Einsatz nach Vorgaben

Das System darf nur so verwendet werden, wie es der Anbieter vorgesehen hat. Zweckentfremdung macht Sie selbst zum Anbieter.

Menschliche Aufsicht

Eine benannte, befugte Person prüft Ergebnisse und kann sie übergehen.

Protokolle aufbewahren

Mindestens sechs Monate, soweit die Protokolle Ihrer Kontrolle unterliegen.

Beschäftigte informieren

Vor dem Einsatz am Arbeitsplatz; in Deutschland zusätzlich Mitbestimmung des Betriebsrats.

Die letzte Zeile wird am häufigsten übersehen: Zweckentfremdung eines fremden Systems verschiebt die Anbieterrolle auf Ihr Unternehmen — mitsamt der vollen Pflichtenlast.

Häufige Fragen

Was ist ein Hochrisiko-KI-System nach dem EU AI Act?+
Ein System, das in einem der in Anhang III genannten Bereiche eingesetzt wird und dort über Menschen mitentscheidet — etwa in Personalauswahl, Kreditwürdigkeit, Bildung oder Zugang zu wesentlichen Diensten. Hinzu kommt KI als Sicherheitsbauteil regulierter Produkte.
Welche Beispiele gelten eindeutig als hochriskant?+
Software zur Vorsortierung von Bewerbungen, Systeme zur Bewertung der Kreditwürdigkeit natürlicher Personen, KI zur Zuteilung von Sozialleistungen, Prüfungsbewertung im Bildungsbereich, biometrische Identifizierung und KI in kritischer Infrastruktur.
Ist ein Dokumentenassistent hochriskant?+
In der Regel nicht. Ein Assistent, der Antworten aus Verträgen oder Handbüchern liefert, bereitet Information auf und entscheidet nichts über Menschen. Kritisch wird es erst, wenn dieselbe Technik zur Bewertung von Personen eingesetzt wird — dann zählt der Anwendungsfall, nicht das Werkzeug.
Welche Pflichten kommen bei Hochrisiko auf den Betreiber zu?+
Einsatz nach Herstellervorgaben, menschliche Aufsicht durch eine befugte Person, Protokolle mindestens sechs Monate aufbewahren, Information der betroffenen Beschäftigten, Meldung schwerwiegender Vorfälle. Die Konformitätsbewertung selbst liegt beim Anbieter.
Ab wann gelten die Hochrisiko-Regeln?+
Der Großteil ab August 2026; für Hochrisiko-KI als Sicherheitsbauteil regulierter Produkte ab August 2027. Die Einordnung sollte deutlich früher stehen, weil sich daraus Anforderungen an Auswahl und Verträge ergeben.
Was, wenn die Einordnung strittig ist?+
Dokumentieren Sie die Begründung und behandeln Sie den Fall vorsichtshalber nach der strengeren Stufe. Eine nachvollziehbare, datierte Herleitung ist gegenüber der Prüfung mehr wert als eine schnelle Einstufung ohne Begründung.

Grenzfälle klären, bevor sie teuer werden

Die meisten Streitfälle entstehen dort, wo KI Entscheidungen über Menschen nur vorbereitet. Wir nehmen den Bestand auf, ordnen die Anwendungsfälle ein und liefern die technische Dokumentation — die rechtliche Bewertung bleibt bei Ihrer Kanzlei.