KI-Anbieter vergleichen: Umsetzer oder Verkäufer?
Veröffentlicht:
Angebote werden nicht durch den Preis vergleichbar, sondern durch neun Fragen: Wer liefert die Fundstelle zu jeder Aussage, was passiert bei fehlender Antwort, wo läuft die Inferenz, wer trägt die Anbindung, wie wird Qualität gemessen, wem gehört das Ergebnis beim Abbruch, wer betreibt es danach, welche Fälle lehnt der Anbieter ab und wie verhält sich der Preis zur Mitarbeiterzahl. Wer auf die vierte und die achte Frage keine unbequeme Antwort gibt, verkauft ein Projekt und kein Ergebnis.
Warum der Preis zuletzt kommt
Wer drei Angebote für ein KI-Projekt nebeneinanderlegt, sieht meistens drei verschiedene Produkte mit drei verschiedenen Preisen — und vergleicht dann die Preise. Das ist der teuerste Fehler in diesem Beschaffungsvorgang, weil die Unterschiede nicht im Preis stecken, sondern in dem, was nicht im Angebot steht.
Die folgenden neun Fragen machen Angebote vergleichbar. Sie sind so formuliert, dass die Antwort überprüfbar ist: nicht „arbeiten Sie DSGVO-konform”, sondern „wo genau läuft die Inferenz und wer sind die Unterauftragsverarbeiter”.
1. Liefert jede Antwort ihre Fundstelle mit?
Ein System, das Aussagen ohne Verweis auf Dokument, Abschnitt und Absatz produziert, ist im Unternehmenseinsatz wertlos, sobald jemand die Aussage prüfen muss — und irgendwann muss das immer jemand. Die Frage ist nicht, ob Quellen angezeigt werden, sondern ob sie zu jeder Aussage gehören und ob sie auf die Stelle zeigen, nicht auf die Datei.
Alarmzeichen: „Quellen werden angezeigt” ohne Demonstration an einem Dokument, das Sie mitbringen.
2. Was passiert, wenn die Antwort nicht in den Unterlagen steht?
Die wichtigste Frage überhaupt, und die, bei der sich Anbieter am deutlichsten unterscheiden. Ein System, das immer antwortet, füllt Lücken mit plausibel klingenden Formulierungen. Die fallen nicht sofort auf — sondern erst, wenn jemand die Fundstelle sucht und keine findet, meist im ungünstigsten Moment.
Die brauchbare Antwort lautet: das System meldet die Lücke. Die zweite Hälfte der Antwort ist ebenso wichtig — wie hoch ist dieser Anteil, und wird er gemessen?
Alarmzeichen: Der Anteil der Fehlanzeigen wird als Mangel behandelt statt als Kennzahl.
3. Wo läuft die Inferenz, und wer sind die Unterauftragsverarbeiter?
„In der EU” ist keine Antwort, sondern eine Marketingaussage. Die Antwort lautet: auf welcher Infrastruktur, in welchem Land, unter welchem Vertrag, mit welchen Unterauftragsverarbeitern — und ob diese Liste im Vertrag steht oder auf einer Webseite.
Für regulierte Häuser kommt eine zweite Frage dazu: was passiert mit abgeleiteten Artefakten bei einer Löschung? Ein Dokument zu löschen und seine Vektordarstellung zu behalten ist keine Löschung.
Alarmzeichen: Der Datenstandort ändert sich je nach Markt oder Tarif.
4. Wer trägt die Anbindung an Ihre Systeme?
Sechzig bis siebzig Prozent des Aufwands eines KI-Projekts entfallen nicht auf das Modell, sondern auf Datenzugriff, Rechteübernahme und Datenqualität. Ein Angebot, in dem dieser Posten fehlt, ist nicht günstiger — es verschiebt die Arbeit zu Ihnen, und zwar in eine IT-Abteilung, die davon nichts weiß.
Fragen Sie konkret: Wer stellt den Zugang zu SharePoint her? Wer klärt, welche Berechtigungen gelten? Wer entscheidet, welche von drei Fassungen eines Dokuments die gültige ist?
Alarmzeichen: „Das machen wir gemeinsam” ohne Aufwandsschätzung für Ihre Seite.
5. Wie wird Qualität gemessen — und von wem?
Vor dem Pilot muss feststehen, woran am Ende entschieden wird. Üblich und brauchbar sind drei Größen: der Anteil der Fragen mit belegter Antwort, der Anteil der Fälle, die an einen Menschen übergeben werden, und der Anteil der Fragen, auf die der Bestand keine Antwort hergibt. Die dritte Zahl misst Ihre Dokumentation, nicht das System — und sie ist die unangenehmste und wertvollste.
Wichtiger als die Zahlen selbst: Wer prüft die Ergebnisse? Wenn der Anbieter seine eigenen Antworten bewertet, ist die Messung wertlos.
Alarmzeichen: Genauigkeitsangaben in Prozent ohne genannten Testbestand.
6. Was gehört Ihnen, wenn das Projekt abgebrochen wird?
Projekte werden abgebrochen, und der Zeitpunkt, das zu regeln, ist vorher. Klären Sie: Bleiben die aufbereiteten Daten bei Ihnen? Die Konfiguration? Die Auswertung des Piloten? Können Sie mit dem Ergebnis zu einem anderen Anbieter gehen, oder war die Arbeit anbieterspezifisch?
Alarmzeichen: Die Frage wird als Misstrauensbekundung behandelt.
7. Wer betreibt das System danach?
Zwei saubere Antworten sind möglich — der Anbieter betreibt es, oder Ihre IT übernimmt — und beide haben Konsequenzen. Übergabe an Ihre IT ist im Betrieb günstiger und in der Vorbereitung teurer, weil dokumentiert und geschult werden muss. Betrieb beim Anbieter ist umgekehrt.
Die dritte Antwort, „das klären wir später”, bedeutet in der Praxis: niemand pflegt die Dokumentenbasis, und das System antwortet binnen Monaten aus veralteten Ständen.
Alarmzeichen: Kein Verfahren dafür, wie neue und geänderte Dokumente hineinkommen.
8. Welche Anfragen lehnt der Anbieter ab?
Von allen neun Fragen trennt diese am zuverlässigsten. Wer auf jede Anfrage zusagt, hat entweder nie ein Projekt scheitern sehen oder verkauft bewusst in Situationen, in denen es nicht trägt.
Eine ehrliche Antwort nennt Konstellationen: ein Bestand von wenigen hundert Seiten, für den sich die Anbindung nicht rechnet; Wissen, das ausschließlich in Köpfen steckt; ein Zielsystem ohne Schnittstelle; eine Entscheidung mit Rechtsfolge für eine Person, die niemand automatisieren sollte.
Alarmzeichen: „Wir finden für jeden Fall eine Lösung.”
9. Wie verhält sich der Preis zur Mitarbeiterzahl?
Ein Preis pro Nutzer wächst mit jedem eingestellten Menschen. Ein Projektpreis mit eigener Inferenz tut das nicht. Bei zwanzig Nutzern ist der Unterschied unerheblich, bei zweihundert entscheidet er über die Jahresrechnung — und er ist zum Zeitpunkt der Unterschrift schwer zu sehen, weil beide Angebote im ersten Jahr ähnlich aussehen.
Rechnen Sie das Angebot auf drei Jahre und auf die geplante Mitarbeiterzahl hoch, bevor Sie vergleichen.
Alarmzeichen: Der Stückpreis wird genannt, die Gesamtsumme über die Laufzeit nicht.
Was wir auf diese Fragen antworten
Es wäre unaufrichtig, neun Prüffragen zu stellen und die eigenen Antworten zurückzuhalten. Kurz:
Jede Aussage trägt ihre Fundstelle; fehlt die Quelle, meldet das System die Lücke, und dieser Anteil ist Teil der Abnahme. Die Inferenz läuft auf eigener Infrastruktur im EWR oder auf Ihren Servern, mit offengelegten Verarbeitungsorten. Die Anbindung liegt bei uns, Ihr Aufwand wird vorher beziffert. Gemessen wird an Ihren eigenen Fragen, bewertet von Ihren Fachleuten. Nach einem Abbruch bleiben aufbereitete Daten, Konfiguration und Pilotauswertung bei Ihnen. Den Betrieb übernehmen wir oder Ihre IT — beides wird vorher entschieden. Wir lehnen ab, was oben unter Punkt acht steht. Und der Preis hängt nicht an der Mitarbeiterzahl, weil die Inferenz auf eigenem Gerät läuft.
Was das konkret kostet, steht in der Preisübersicht; wie ein Projekt abläuft, in der KI-Einführung; womit es beginnt, in der KI-Beratung. Wer lieber die Rechnung selbst nachvollzieht, findet die Posten in Kosten, Posten und was Angebote weglassen.