KI im Unternehmen einführen: Leitfaden für den Mittelstand
Veröffentlicht:
Eine KI-Einführung dauert von der Bestandsaufnahme bis zum Produktivbetrieb typischerweise drei bis vier Monate, und verlängert wird sie fast nie durch Technik. Die vier häufigsten Ursachen für Verzögerung sind organisatorisch: niemand darf fachlich abnehmen, Zugänge und Schnittstellen sind ungeklärt, der Fachbereich ist nicht freigestellt, und ein vorgeschaltetes Datenaufräumprojekt zieht sich. Wer diese vier vorher klärt, spart mehr Zeit als jede Werkzeugentscheidung.
Die vier Abschnitte — und warum die Übergänge wichtiger sind
Auswahl, PoC an echten Daten, Pilot mit Abbruchkriterien, Rollout und Übergabe: vier Abschnitte über acht bis sechzehn Wochen. Was jeder davon konkret enthält und was am Ende übergeben wird, steht auf der Seite zur Umsetzung.
Für die Planung zählt etwas anderes — die Stellen dazwischen. Zwischen zwei Abschnitten steht jeweils eine Entscheidung, und an dieser Eigenschaft erkennt man, ob ein Angebot durchdacht ist: Sie müssen nach jedem Abschnitt aussteigen können, und das Zwischenergebnis muss bei Ihnen bleiben.
Ein Vorhaben ohne diese Schnitte ist kein Projekt, sondern eine Wette. Es klingt im Angebot günstiger, weil keine Übergaben eingepreist sind, und es ist teurer, sobald sich im dritten Monat herausstellt, dass der gewählte Anwendungsfall nicht trägt — dann steht die Wahl zwischen Weitermachen und Totalverlust.
Der häufigste vermeidbare Fehler liegt vor dem ersten Abschnitt: Der Anwendungsfall wird aus der Geschäftsführung gesetzt, ohne dass der Fachbereich ihn als sein Problem erkennt. Technisch geht so ein Vorhaben durch. Benutzt wird es nicht.
Woran es tatsächlich hängt
Keine der vier häufigsten Verzögerungsursachen ist technisch.
Niemand darf abnehmen. Ohne eine Person, die verbindlich sagt «das Ergebnis ist gut genug», läuft die Rückmeldeschleife endlos. Jede Runde bringt neue Anmerkungen, keine bringt eine Entscheidung. Das ist die wichtigste Besetzung im ganzen Projekt und die am häufigsten offen gelassene.
Zugänge sind nicht geklärt. Der Testzugang zum DMS ist häufiger der kritische Pfad als die Modellauswahl. Das klingt banal und kostet regelmäßig zwei Wochen.
Der Fachbereich ist nicht freigestellt. Wer seine Fragen und Beispiele nebenbei liefern soll, liefert sie nicht — nicht aus Unwillen, sondern weil das Tagesgeschäft immer dringender ist.
Vorgeschaltete Datenaufräumprojekte. Sie verzögern um Monate und werden selten fertig. Für den Anfang genügen Auffindbarkeit, korrekte Rechte und erkennbare Gültigkeit von Versionen.
Warum Piloten nicht in Produktion gehen
Fünf Muster, und keines davon betrifft die Erkennungsqualität.
Die Daten wurden für den Piloten von Hand zusammengestellt. Im Betrieb kommen sie so nie wieder — die Quote aus dem Piloten war eine Quote für aufgeräumtes Material.
Niemand ist für die Pflege zuständig. Neue Dokumente kommen dazu, alte werden zurückgezogen, und nach drei Monaten antwortet das System aus einem Bestand, den niemand nachführt.
Es gab keine Abbruchkriterien. Ohne vorher festgelegte Schwelle diskutiert am Ende ein Kreis von Beteiligten über Eindrücke, und dort gewinnt der lauteste Einzelfall gegen das Gesamtergebnis. So werden gute Piloten beendet und schlechte verlängert.
Das System durfte nicht «weiß ich nicht» sagen. Wer immer antworten muss, erfindet — und ein erfundener Beleg, der jemandem auffällt, beendet das Vertrauen dauerhaft.
Der Datenschutz kam zum Schluss. Dann steht fertige Technik vor der Frage, ob sie überhaupt eingesetzt werden darf.
Was kostet die Einführung wirklich?
Drei Posten, von denen der dritte fast nie auftaucht:
- Discovery mit Datenaudit und PoC — ab 5.000 €
- Umsetzung auf bestehender Infrastruktur — ab 25.000 €
- Zeit Ihres Fachbereichs — mehrere Stunden pro Woche im Pilot für die Person, die fachlich abnimmt, plus punktueller Aufwand in der IT
Der dritte Posten ändert nichts am Preis und alles am Termin. Ein Angebot mit Wochenangaben ohne Mitwirkungspflichten beschreibt nur die eigene Hälfte der Arbeit — und die andere Hälfte liegt bei Ihnen, ob sie im Angebot steht oder nicht.
Was dazu selten gesagt wird: Der zweite Anwendungsfall kostet deutlich weniger als der erste. Zugänge, Rechte, Verarbeitungsverzeichnis, Nutzungsregel und Einweisung fallen einmal an. Deshalb lohnt es, den ersten Fall sorgfältig zu wählen — nicht weil er der wichtigste ist, sondern weil er die Grundlage bezahlt.
Wann sollten Sie nicht anfangen?
- Solange niemand benannt ist, der fachlich abnehmen darf.
- Wenn der Anwendungsfall aus der Geschäftsführung gesetzt wurde, ohne dass der Fachbereich ihn teilt — Akzeptanz lässt sich nachträglich nicht herstellen.
- Wenn parallel eine Systemablösung läuft, die dieselben Schnittstellen betrifft.
- Wenn das Wissen nicht in Dokumenten steht, sondern ausschließlich in Köpfen. Dann ist Dokumentation der erste Schritt, und den nimmt keine Software ab.
Diese vier Punkte sind keine Ausflüchte, sondern Erfahrung: In allen vier Fällen verschiebt ein Projektstart nur den Zeitpunkt des Stillstands, und zwar an eine Stelle, an der bereits Geld gebunden und Erwartung aufgebaut ist. Sie im Erstgespräch anzusprechen kostet einen Auftrag und spart zwei enttäuschte Referenzen.
Was verlangt die Regulierung?
Weniger, als die Aufmerksamkeit vermuten lässt, und früher. Die Pflicht zur KI-Kompetenz nach Artikel 4 des EU AI Act gilt seit Februar 2025 — unabhängig von Risikoklasse und Unternehmensgröße. Die Hochrisiko-Anforderungen, über die alle sprechen, betreffen die meisten Unternehmen gar nicht.
Wichtig ist die Reihenfolge: Die Bestandsaufnahme der eingesetzten Werkzeuge brauchen Sie für DSGVO und AI Act gleichermaßen. Zwei Regelwerke, ein Arbeitsschritt — das ist der pragmatische Grund, beides gemeinsam anzugehen.
Die Bestandsaufnahme funktioniert nur ohne Sanktionsandrohung. Wer fragt, um zu ahnden, bekommt eine unvollständige Liste und baut die gesamte Dokumentation auf einer Lücke auf. Erfahrungsgemäß tauchen dabei Werkzeuge auf, von denen die IT nie gehört hat, weil Fachbereiche sie selbst beschafft haben.
Der erste Schritt, der nichts kostet
Bevor über Werkzeuge gesprochen wird: benennen Sie die Person, die am Ende sagt, ob das Ergebnis gut genug ist. Wenn diese Frage im Haus schwierig zu beantworten ist, haben Sie das Wichtigste über Ihr Projekt bereits erfahren.
Der zweite Schritt kostet ebenfalls nichts: Fragen Sie im Team anonym, welche KI-Werkzeuge heute schon beruflich genutzt werden und mit welchen Daten. Das Ergebnis ist unbequem und genau deshalb brauchbar — es zeigt, worüber Sie tatsächlich entscheiden, statt worüber Sie zu entscheiden glauben. In den meisten Häusern ist die Liste länger als erwartet und enthält Werkzeuge, die niemand freigegeben hat.
Der Ablauf mit Rollen und Aufwänden steht unter KI einführen, die Auswahl des Anwendungsfalls unter KI-Beratung.